Kontext ist bei KI alles, was ein KI-Chat wie ChatGPT, Claude oder Gemini in diesem Moment vor sich hat: deine Frage, der bisherige Gesprächsverlauf, angehängte Dateien und die Anweisungen des Anbieters. Das Kontextfenster ist die Obergrenze dafür, wie viel davon auf einmal hineinpasst. Ist es voll, muss die KI ältere Teile zusammenfassen oder weglassen, und genau dann wirkt es so, als hätte sie etwas vergessen.
Ich arbeite täglich mit Claude. Meine vierzehn KI-Mitarbeiter laufen auf Claude Team, manche auch auf offenen Modellen oder über die API. Die Zahlen in diesem Beitrag stammen von den Hilfeseiten von Anthropic, OpenAI und Google, abgerufen am 26.10.2026. Alle Grundlagen rund um KI im Betrieb sammle ich auf der Seite KI-Grundlagen.
Was Kontext bei KI heißt
Hinter jedem KI-Chat steckt ein Sprachmodell, auf Englisch Large Language Model, kurz LLM. Ein Sprachmodell merkt sich zwischen zwei Antworten nichts von selbst. Für jede Antwort liest es neu, was ihm mitgegeben wird. Genau das ist der Kontext.
Zum Kontext gehören laut Anthropic und OpenAI mehr Dinge, als du im Chatfenster siehst:
- Deine Nachrichten und die Antworten der KI, also der ganze bisherige Verlauf.
- Angehängte Dateien und Bilder, etwa eine PDF-Preisliste.
- Die Anweisungen des Anbieters, der sogenannte Systemprompt. Das sind Vorgaben, die vor deiner ersten Nachricht unsichtbar mitlaufen.
- Werkzeuge und Ergebnisse, zum Beispiel aus einer Websuche oder aus verbundenen Diensten wie Google Drive.
- Erinnerungen, wenn du die Gedächtnisfunktion eingeschaltet hast.
Wichtig ist der Unterschied zum Trainingswissen. Das Modell hat vor seiner Veröffentlichung aus sehr vielen Texten gelernt. Dieses Wissen endet an einem Stichtag und ist für alle Nutzer gleich. Der Kontext ist dagegen dein Arbeitstisch für genau dieses Gespräch. Anthropic nennt das Kontextfenster deshalb ein „working memory“, also ein Arbeitsgedächtnis.
Ein Beispiel: Du lädst die Preisliste deines Malerbetriebs hoch und fragst nach einem Angebot für 80 Quadratmeter. Jetzt liegen Preisliste, Frage und Antwort im Kontext. Öffnest du morgen einen neuen Chat und fragst nach dem nächsten Angebot, kennt die KI die Preisliste nicht mehr. Außer du lädst sie erneut hoch oder hast sie dauerhaft abgelegt, etwa in einem Projekt.
Was ein Kontextfenster ist
Das Kontextfenster ist die Höchstmenge an Kontext, die ein Modell auf einmal verarbeiten kann. Gemessen wird es in Tokens. Ein Token ist bei KI ein kleines Stück Text, mal ein ganzes Wort, mal nur eine Silbe oder ein Satzzeichen; mit Kryptowährungen hat das nichts zu tun. Als grobe Größe nennt Anthropic: 200.000 Tokens entsprechen etwa 500 Seiten Text.
Zwei Dinge überraschen Einsteiger oft. Erstens zählt die Antwort der KI mit, nicht nur deine Eingabe. Zweitens ist der Platz für deine eigenen Texte kleiner als das ganze Fenster, weil Systemprompt, Werkzeuge und Erinnerungen ebenfalls Platz belegen. OpenAI schreibt das ausdrücklich unter seine Preistabelle.
Reasoning-Modelle sind Modelle, die vor der Antwort länger nachdenken. So groß sind die Fenster laut den Herstellern (Stand 26.10.2026):
Bei Claude haben im Chat die neuesten Modelle Opus 5.5, Sonnet 5.5, Haiku 5.5 und Fable 5.1 sowie Opus 5 und Sonnet 5 je 1 Million Tokens, andere Modelle 500.000 oder 200.000. Für den kostenlosen Claude-Plan nennt die Hilfeseite keine Zahl. Welche Claude-Modelle es gibt und wofür ich welches nehme, steht in Claude Modelle: Opus, Sonnet, Haiku, Fable.
Ein größeres Fenster heißt aber nicht automatisch bessere Antworten. Anthropic schreibt dazu: „As token count grows, accuracy and recall degrade, a phenomenon known as context rot.“ Je voller der Kontext, desto eher übersieht das Modell also Details. Was im Kontext steht, ist deshalb genauso wichtig wie die Größe des Fensters.
Was passiert, wenn das Kontextfenster voll ist
Am genauesten beschreibt das Anthropic für Claude. Auf bezahlten Plänen mit eingeschalteter Code-Ausführung fasst Claude ältere Nachrichten automatisch zusammen, sobald ein Gespräch an die Grenze kommt. Code-Ausführung heißt, dass Claude für dich kleine Programme laufen lassen und Dateien erzeugen darf. Du findest den Schalter in den Einstellungen unter „Capabilities“ als „Code execution and file creation“, bei Free, Pro und Max ist er laut Anthropic standardmäßig an. Dann kann es weitergehen. Du siehst dabei manchmal den Hinweis, dass Claude seine Gedanken ordnet („organizing its thoughts“). Der ganze Verlauf bleibt laut Anthropic gespeichert, aber ein so langes Gespräch verbraucht mehr von deinem Nutzungskontingent.
Für ChatGPT und Gemini nennen die Hilfeseiten, die ich gelesen habe, die Größe des Fensters, beschreiben aber nicht im Einzelnen, was bei vollem Fenster passiert. Google schreibt, dass Gemini in einem laufenden Gespräch den bisherigen Verlauf jedes Mal neu lesen muss und lange Chats deshalb mehr Rechenleistung brauchen.
Lange Chats werden also aus zwei Gründen schlechter: Zusammenfassungen verlieren Details, und die Genauigkeit sinkt, je voller der Kontext ist.
In Claude Code, dem Programmierwerkzeug von Anthropic, läuft dieses Zusammenfassen als eigener Vorgang, den du auch selbst auslösen kannst.
Kontext, Gedächtnis und Projekte: der Unterschied
Diese drei Begriffe werden oft verwechselt:
- Kontext ist das Arbeitsgedächtnis für ein einziges Gespräch.
- Gedächtnis (Memory) ist eine Funktion, bei der sich das Werkzeug Dinge aus früheren Chats merkt und in neue Chats mitbringt. Auch diese Erinnerungen landen im Kontext und belegen dort Platz. Wie das bei Claude aussieht, zeige ich in Claude Gedächtnis: Memory prüfen und nutzen.
- Projekte sind Ablagen für Dateien und Anweisungen, die in jedem Chat des Projekts gelten. Laut Anthropic lädt Claude aus einem Projekt mit einem Suchverfahren nur die Teile in den Kontext, die zur Frage passen. Wie ich Projekte aufbaue, steht in Claude Projekte richtig nutzen.
Warum ich wichtiges Wissen lieber in Dateien ablege als im Chat, erkläre ich in Warum ChatGPT vergisst, KI-Mitarbeiter nicht. Und wenn du ein Modell auf deinem eigenen Rechner laufen lässt, stellst du die Kontextlänge beim Laden selbst ein, wie in Lokale KI einrichten: Ollama bis SGLang gezeigt.
Ein Beispiel aus dem Büroalltag
Ein ausgedachtes, aber typisches Beispiel: Eine Inhaberin eines kleinen Handwerksbetriebs lässt die KI an einem Vormittag in einem einzigen Chat Angebote schreiben. Am Anfang lädt sie die Preisliste hoch, dann folgen Kunde A, B und C. Beim vierten Angebot nennt die KI einen falschen Stundensatz und übernimmt eine Anfahrtspauschale aus dem ersten Angebot.
Das ist kein Zufall. Die Preisliste steht ganz am Anfang des Gesprächs, dazwischen liegen drei andere Kunden, und vielleicht ist der Anfang schon zusammengefasst. Besser wäre: ein Chat pro Kunde und die Preisliste in einem Projekt, damit sie in jedem Chat frisch dabei ist.
Worauf du achten solltest
- Ein Thema, ein Chat. Wechselst du die Aufgabe, starte einen neuen Chat.
- Wichtiges dauerhaft ablegen. Regeln, die immer gelten sollen, gehören in Projektanweisungen oder Dateien, nicht in Nachricht 37 eines langen Chats.
- Nur anhängen, was nötig ist. Ein 200-seitiges PDF füllt das Fenster, auch wenn du nur eine Seite brauchst. Wie du lange Dokumente trotzdem gut zusammenfassen lässt, zeige ich in Texte und PDFs mit KI zusammenfassen.
- Werkzeuge abschalten, die du nicht brauchst. Anthropic weist darauf hin, dass verbundene Dienste und Websuche viele Tokens kosten.
Häufige Fragen
Was bedeutet Kontext bei KI?
Kontext ist alles, was die KI für ihre nächste Antwort vor sich hat: deine Nachrichten, ihre bisherigen Antworten, angehängte Dateien, die Anweisungen des Anbieters und gegebenenfalls Erinnerungen. Was nicht im Kontext steht und nicht zum Trainingswissen gehört, kennt die KI nicht.
Wie groß ist das Kontextfenster von ChatGPT?
Laut OpenAI hängt es vom Tarif und vom Modell ab: 27.000 Tokens im kostenlosen Plan für die Instant-Modelle, 54.000 bei Go und Plus, 128.000 bei Pro. Die Reasoning-Modelle haben bei Go und Plus 256.000 und bei Pro 400.000 Tokens (Stand 26.10.2026).
Wie groß ist das Kontextfenster von Claude?
Auf bezahlten Plänen haben laut Anthropic die neuesten Modelle sowie Opus 5 und Sonnet 5 im Chat 1 Million Tokens, andere Modelle 500.000 oder 200.000. Für den kostenlosen Plan nennt Anthropic auf dieser Seite keine Zahl.
Was passiert, wenn das Kontextfenster voll ist?
Claude fasst auf bezahlten Plänen mit eingeschalteter Code-Ausführung (Einstellungen, „Capabilities“) ältere Nachrichten automatisch zusammen und macht weiter. Dabei können Details verloren gehen. Wenn eine Antwort plötzlich nicht mehr zu deinen frühen Vorgaben passt, ist ein neuer Chat mit einer kurzen Zusammenfassung meist die beste Lösung.
Ist ein größeres Kontextfenster immer besser?
Nein. Mehr Platz hilft bei langen Dokumenten, aber laut Anthropic sinkt die Genauigkeit, je mehr Tokens im Kontext stehen. Ein aufgeräumter, kurzer Kontext liefert oft bessere Antworten als ein voller.
Wie du weitermachst
Öffne deinen längsten Chat und frag dich, ob die letzte Aufgabe dort wirklich noch hingehört. Wenn nicht, lass dir den Stand zusammenfassen und mach mit einem neuen Chat weiter. Wenn du gerade erst mit KI anfängst, lies vorher KI für Anfänger: was du beachten musst. Warum eine KI manchmal Dinge erfindet, gerade in langen Chats, erkläre ich in KI-Halluzinationen erkennen und reduzieren. Alle Fachwörter rund um KI findest du kurz erklärt in KI-Begriffe einfach erklärt: das Glossar. Wie andere ihre Chats und KI-Mitarbeiter organisieren, besprechen wir in meiner deutschsprachigen Community Claude Practitioners.