1. November 2026 · 15 Min. Lesezeit

KI für Anwälte: was in der Kanzlei geht

Grafische Titelkarte zum Beitrag „KI für Anwälte: was in der Kanzlei geht“ mit einem stilisierten Motiv: ein Aktenordner mit Schloss neben einem Terminalfenster, dazwischen eine Schranke.
Grafik: HumanITy

Das ist keine Rechtsberatung, sondern die Betreiber-Perspektive, mit der ich KI-Mitarbeiter für Betriebe aufbaue. KI für Anwälte lohnt sich heute vor allem bei der Vorarbeit: Entwürfe für Schriftsätze und Schreiben, Recherche, Vertragsdurchsicht, Mandantenkommunikation und das Sortieren des Posteingangs mit Fristvorschlägen. Was sie nicht übernimmt, ist die Verantwortung. Jede Fundstelle, die eine KI nennt, prüfst du an der Quelle, und Mandatsgeheimnisse gehören nur unter den Bedingungen von § 43e BRAO in ein KI-Werkzeug. Die Bundesrechtsanwaltskammer sagt es in ihren Hinweisen zum KI-Einsatz deutlich: KI darf die anwaltliche Tätigkeit unterstützen, nicht ersetzen.

Ich bin Entwickler, kein Anwalt. Ich führe meinen eigenen Betrieb mit vierzehn KI-Mitarbeitern und baue dieselbe Art von Mitarbeitern für Firmen auf, darunter eine Steuerberatung. Dort kommen 30 bis 40 digitale Steuerbescheide am Tag an, und die KI-Mitarbeiter können nichts ans Finanzamt übermitteln und keine Zahlungen auslösen, weil ihr Benutzer in DATEV diese Rechte gar nicht hat. Steuerberater stehen in § 203 StGB in derselben Nummer wie Rechtsanwälte. Dieser Beitrag geht um Rechtsanwälte; die Steuerberatung beschreibe ich in KI-Agent für Steuerberater: ein Praxisfall. Ein Gespräch mit einer Rechtsanwaltskanzlei steckt nicht in diesem Beitrag: Die Kanzlei-Beispiele sind gedacht, die Rechtslage stammt aus Gesetz, BRAK und Rechtsprechung. Was ein KI-Mitarbeiter ist, steht in Was ist ein KI-Mitarbeiter?.

KI für Anwälte: fünf Einsatzfelder in der Kanzlei

Einsatzfeld Was die KI vorbereitet Was beim Anwalt bleibt
Schriftsatzentwürfe Gliederung, Sachverhalt aus der Akte, Formulierungsvorschläge rechtliche Würdigung, jede Fundstelle, Unterschrift
Recherche Suchbegriffe, erster Überblick, Kandidaten für Fundstellen Prüfung jeder Quelle im Original
Vertragsprüfung Klauseln, Fristen, Abweichungen vom Muster, Fassungsvergleich Wirksamkeit, Verhandlungsziel
Mandantenkommunikation Entwürfe für Sachstandsmails, verständliche Erklärungen Inhalt und Versand
Posteingang und Fristen Schriftstücke sortieren und zuordnen, Fristvorschläge Eintragen und Kontrolle der Frist

Das Ergebnis ist immer ein Entwurf oder eine Arbeitsliste. Für Verträge, mit Prompt und Prüfschritten, siehe Verträge mit KI prüfen: was geht, was nicht. Für lange Akten hilft Texte und PDFs mit KI zusammenfassen.

Ein KI-Mitarbeiter unterscheidet sich vom Chatfenster durch einen eigenen Zugang mit eigenen Rechten: Was er nie darf, sperrt das System. Übertragen auf eine Anwaltskanzlei wäre das, als Beispiel gedacht, ein Zugang, der Entwürfe ablegen, aber nichts an Gerichte oder Mandanten versenden kann. Wie ich solche Rollen einführe, steht in KI-Mitarbeiter einstellen: der Ablauf.

Halluzinationen: warum jede Fundstelle geprüft wird

Die BRAK-Hinweise zum KI-Einsatz (Stand Dezember 2024, laut Übersicht der BRAK am 01.11.2026 weiterhin die aktuelle Fassung) beschreiben Halluzinationen als Inhalte, „die logisch erscheinen, jedoch faktisch falsch sind“, und verlangen nach § 43 BRAO eine „eigenverantwortliche Überprüfung und Endkontrolle der KI-Ergebnisse“ durch den Anwalt selbst.

Wie das vor Gericht aussieht, zeigt ein Beschluss des Amtsgerichts Köln vom 2. Juli 2025 (312 F 130/25). In einem Schriftsatz standen Voraussetzungen, die nicht aus der zitierten Entscheidung stammten und laut Gericht „offenbar mittels künstlicher Intelligenz generiert und frei erfunden“ waren. Weiter heißt es: „Auch die genannten Fundstellen sind frei erfunden.“ Das Gericht wies den Bevollmächtigten darauf hin, dass ein Verstoß gegen § 43a Abs. 3 BRAO vorliegt, wenn ein Rechtsanwalt bewusst Unwahrheiten verbreitet.

Drei Regeln helfen:

  1. Material mitgeben statt fragen. Die KI zitiert wörtlich aus Akte, Urteil oder Vertrag, die du ihr gibst, nicht aus dem Gedächtnis.
  2. Jede Fundstelle im Original öffnen. Gesetz, Urteil, Kommentarstelle: Was du nicht findest, fliegt raus.
  3. Getrennt prüfen. Bei mir gilt die Hausregel: Wer etwas erstellt, prüft es nicht selbst. Der Prüfdurchlauf bekommt einen eigenen Auftrag.

Mehr dazu in KI-Halluzinationen erkennen und reduzieren und, für Rechercheaufträge, in Deep Research: welche KI recherchiert gut?. Wie eine zweite KI die Arbeit der ersten prüft, steht in LLM as a Judge: wie KI die KI prüft.

Verschwiegenheit: § 43a Abs. 2 BRAO und § 203 StGB

Nach § 43a Abs. 2 BRAO ist der Rechtsanwalt zur Verschwiegenheit verpflichtet, und das bezieht sich „auf alles, was ihm in Ausübung seines Berufes bekanntgeworden ist“. Die Personen, die er beschäftigt, hat er „in Textform zur Verschwiegenheit zu verpflichten“. Strafrechtlich sichert § 203 Abs. 1 Nr. 3 StGB das ab. Nach Abs. 3 Satz 2 dürfen Geheimnisse an sonstige mitwirkende Personen gehen, „soweit dies für die Inanspruchnahme der Tätigkeit der sonstigen mitwirkenden Personen erforderlich ist“. Wer eine solche Person nicht zur Geheimhaltung verpflichtet hat, kann sich nach Abs. 4 Satz 2 Nr. 1 selbst strafbar machen, wenn sie das Geheimnis unbefugt offenbart.

§ 2 Abs. 2 BORA verlangt die organisatorischen und technischen Maßnahmen, die „risikoadäquat und für den Anwaltsberuf zumutbar sind“. Die BRAK-Hinweise ergänzen zwei Punkte, die für KI zählen: Auch Mandantennamen und die Tatsache, dass überhaupt ein Mandat besteht, fallen unter die Verschwiegenheit. Und es reicht laut BRAK „regelmäßig nicht, Namen und Anschriften von Mandanten zu entfernen, wenn sich Mandatsinformationen aus dem Kontext ergeben können“. Wo möglich, empfiehlt sie „abstrakte“ Anfragen ohne Rückschluss auf ein Mandat.

Technisch verorte ich den Schutz an zwei Stellen: bei den Benutzerrechten und bei einem Prinzip, das ich Schleuse nenne. Daten werden pseudonymisiert, bevor sie das Modell erreichen, und die Zuordnung bleibt im Haus. Beschrieben ist es in Claude Code Mods in der Steuerberatung. Den Punkt der BRAK zum Kontext deckt das nicht automatisch ab, und ob es für ein bestimmtes Mandat genügt, ist eine Rechtsfrage, keine technische.

KI-Anbieter als Dienstleister: § 43e BRAO

Ein KI-Anbieter, der Mandatsdaten verarbeitet, ist Dienstleister im Sinne von § 43e BRAO:

  • Erforderlichkeit (Abs. 1): Zugang zu geschützten Tatsachen nur, „soweit dies für die Inanspruchnahme der Dienstleistung erforderlich ist“.
  • Auswahl (Abs. 2): Den Dienstleister „sorgfältig auszuwählen“ und die Zusammenarbeit unverzüglich zu beenden, wenn die Vorgaben nicht gewährleistet sind.
  • Vertrag (Abs. 3): in Textform, mit Verpflichtung zur Verschwiegenheit „unter Belehrung über die strafrechtlichen Folgen einer Pflichtverletzung“, Kenntnisnahme nur soweit zur Vertragserfüllung nötig, und einer Regel, ob weitere Personen herangezogen werden dürfen.
  • Ausland (Abs. 4): nur, wenn der Geheimnisschutz dort „dem Schutz im Inland vergleichbar ist“, es sei denn, der Schutz der Geheimnisse gebietet das nicht.
  • Einzelnes Mandat (Abs. 5): Dient die Dienstleistung unmittelbar einem einzelnen Mandat, braucht es die Einwilligung des Mandanten.
  • Datenschutz (Abs. 8): bleibt unberührt, der Auftragsverarbeitungsvertrag nach DSGVO kommt also dazu.

Die BRAK ergänzt: Für den Zugang genügt schon die Möglichkeit der Kenntnisnahme. Bei Sprachmodellen sei die Übermittlung von Mandatsgeheimnissen nach dem Stand von Dezember 2024 „nicht erforderlich, da eine Nutzung auch ohne die Übermittlung dieser Daten möglich ist“, jedenfalls bei den frei zugänglichen Modellen, und wo möglich seien Anbieter mit Servern in Deutschland oder Europa zu bevorzugen.

Meine Einordnung als Betreiber: Ein Auftragsverarbeitungsvertrag und ein Vertrag nach § 43e Abs. 3 BRAO sind zwei verschiedene Dinge. Ob die Standardbedingungen eines KI-Anbieters die drei Punkte aus Abs. 3 enthalten, steht in ihrem Wortlaut. Das prüfst du mit deiner Kammer oder einer Fachkraft, bevor Mandatsdaten fließen.

Werkzeugwege: Business-Plan, EU-Cloud oder lokal

Business-Plan mit Auftragsverarbeitungsvertrag. Ein privates Gratis-Konto ist für Mandatsdaten der falsche Ort. Bei Anthropic gilt der Auftragsverarbeitungsvertrag für die kommerziellen Produkte wie Claude for Work und die API, und Eingaben aus diesen Produkten nutzt Anthropic standardmäßig nicht zum Training. Was bei Claude je Plan gilt, steht in Claude Datenschutz und DSGVO: was gilt. Für Kanzleien mit Microsoft 365 steht das Gegenstück in Microsoft Copilot und Datenschutz im Betrieb. Nach welchen drei Fragen ich entscheide, was eine KI sehen darf, steht in KI und Datenschutz: was die KI sehen darf.

EU-Cloud. Wer Verarbeitung in der EU verlangt, kann Claude über AWS Bedrock in EU-Regionen nutzen, beschrieben in Claude über AWS Bedrock: EU, DSGVO, Kosten. Anbieter mit Sitz in Deutschland und der EU stelle ich in Deutsche und europäische KI-Anbieter vor.

Lokal. Offene Modelle auf eigener Hardware halten die Daten im Haus, kosten aber Aufwand. Die Abwägung steht in Lokale KI und Datenschutz: Cloud oder Server?. Wie ein eigenes Sprachmodell für eine Organisation aussieht, beschreibe ich in Corporate LLM: Anbieter oder eigener Server?.

Rechtsdienstleistung, Mandantenkontakt und KI-Verordnung

Je näher die KI an den Mandanten rückt, desto strenger wird es. Für automatisierte Mandantenkommunikation, Auto-Responder und Chatbots zur Mandatsaufnahme gilt laut BRAK „ein höherer Sorgfaltsmaßstab“, und es darf nicht der Eindruck entstehen, eine anwaltliche Prüfung sei nicht nötig. Bei hoher Automatisierung sieht die BRAK zudem Risiken bei Steuer und Berufshaftpflicht. Wer als Nicht-Anwalt ein Werkzeug baut, das Einzelfälle rechtlich prüft, landet beim Rechtsdienstleistungsgesetz: Nach § 2 Abs. 1 RDG ist Rechtsdienstleistung „jede Tätigkeit in konkreten fremden Angelegenheiten, sobald sie eine rechtliche Prüfung des Einzelfalls erfordert“.

Eine berufsrechtliche Pflicht, Mandanten über den KI-Einsatz zu informieren, sieht die BRAK nach dem Stand von Dezember 2024 im Grundsatz nicht. Sie empfiehlt aber einen transparenten Umgang und im Zweifel eine vertragliche Regelung.

Zur KI-Verordnung nur kurz: Eine Kanzlei, die KI nutzt, ist Betreiberin. Damit gilt Art. 4 zur KI-Kompetenz, seit Juli 2026 in neuer Fassung (die BRAK-Hinweise zitieren noch die alte), siehe KI-Kompetenz nach AI Act: Mitarbeiter schulen. Die in Kanzleien eingesetzten Systeme zählen laut BRAK nicht zu den Hochrisiko-Systemen der Rechtspflege nach Anhang III Nr. 8a, weil diese sich auf Justizbehörden beziehen. Fristen und Pflichten im Überblick stehen in KI-Gesetz der EU: Überblick und Fristen 2026.

So fängt eine Kanzlei an

  1. Kanzleiregel schreiben. Welches Werkzeug ist für welche Daten erlaubt? Ohne Regel nutzt das Team private Konten, siehe Schatten-KI: wenn das Team heimlich KI nutzt und KI-Richtlinie für dein Team: was rein muss.
  2. Ohne Mandatsdaten starten. Abstrakte Rechtsfragen, Musterschreiben, eigene Texte, Gliederungen.
  3. Werkzeug nach § 43e BRAO prüfen, bevor Mandatsdaten fließen, und das Team nach § 43a Abs. 2 BRAO in Textform verpflichten.
  4. Einen Prozess wählen, der täglich anfällt, klare Regeln hat und sich schnell prüfen lässt. In der Steuerberatung waren das die Bescheide; aus dem Zuschauen beim Sekretariat wurden rund 45 Regeln, und die Freigabe kam nach vier sauberen Läufen.
  5. Prüfrolle festlegen. Wer den Entwurf erstellt, prüft ihn nicht.

Wie eine Kanzleiregel aus Schritt 1 aussehen kann, zeigt dieses gedachte Beispiel. Es ersetzt keine Prüfung im Einzelfall und ist keine Rechtsberatung.

Daten Beispiel Erlaubter Weg im Beispiel
ohne Mandatsbezug abstrakte Rechtsfrage, Musterschreiben Business-Plan mit Auftragsverarbeitungsvertrag
Fall ohne Namen aus dem Kontext erkennbar wie Mandatsdaten (laut BRAK reicht Namen entfernen regelmäßig nicht)
Mandatsdaten Akte, Schriftsatz, Mandantenmail nur nach § 43e BRAO geprüftes Werkzeug
Versand nach außen Schriftsatz, Mandantenmail nie durch die KI, immer durch den Anwalt

Häufige Fragen

Dürfen Anwälte ChatGPT oder Claude nutzen?

Das Berufsrecht verbietet KI nicht. Grenzen setzen § 43a Abs. 2 BRAO, § 203 StGB und § 43e BRAO; Fragen ohne Mandatsbezug sind ein anderer Fall als hochgeladene Akten. Das ist ein Hinweis, keine Rechtsberatung.

Darf ich Mandantendaten in eine KI eingeben?

Nur, wenn die Voraussetzungen von § 43e BRAO erfüllt sind und der Datenschutz geklärt ist. Die BRAK empfiehlt, wo möglich, abstrakte Anfragen und vollständig anonymisierte Dokumente.

Muss ich Mandanten über KI informieren?

Eine berufsrechtliche Pflicht sieht die BRAK im Grundsatz nicht (Stand Dezember 2024). Sie empfiehlt Transparenz und im Zweifel eine vertragliche Regelung. Dient ein Dienstleister unmittelbar einem einzelnen Mandat, verlangt § 43e Abs. 5 BRAO die Einwilligung des Mandanten.

Ersetzt KI den Rechtsanwalt?

Nein. Laut BRAK darf KI die anwaltliche Tätigkeit unterstützen, nicht ersetzen, und die Endkontrolle bleibt beim Anwalt.

Ist KI in der Kanzlei Hochrisiko-KI nach dem AI Act?

Nach Einschätzung der BRAK in aller Regel nicht. Die Hochrisiko-Kategorie der Rechtspflege bezieht sich auf Justizbehörden. Die Pflicht zur KI-Kompetenz nach Art. 4 gilt trotzdem.

Wie du weitermachst

Schreib eine Woche lang mit, welche Vorarbeit in deiner Kanzlei immer gleich abläuft. Prüf dann mit deiner Kammer oder einer Fachkraft, welches Werkzeug die Bedingungen von § 43e BRAO erfüllt. Wie andere ihre ersten KI-Mitarbeiter einarbeiten, besprechen wir in meiner deutschsprachigen Community Claude Practitioners. Wenn du für deine Kanzlei einen KI-Mitarbeiter aufbauen willst, schreib mir.

Kevin Welter

Kevin Welter

Entwickler, IT-Architekt, Fachbuchautor (Kubernetes, Cloud-Infrastrukturen) und Speaker. Betreibt sein Business mit einer KI-Belegschaft aus vierzehn KI-Mitarbeitern und zeigt Selbstständigen in seiner Community, wie sie ihren ersten KI-Mitarbeiter einstellen.

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